Es ist halb acht früh, der Radweg entlang des Donaukanals ist voll, und irgendwo vor Ihnen fährt jemand nebeneinander mit einer Freundin und plaudert. Sie klingeln. Nichts passiert. Sie klingeln noch einmal, lauter, und ernten einen bösen Blick.
Willkommen im Juni. Der Monat, in dem alle radfahren und niemand weiß, wie man sich dabei benimmt.
Überholen ist eine Ansage, kein Überraschungsangriff
Die häufigste gefährliche Situation am Radweg ist das lautlose Überholen. Man kommt mit 25 km/h von hinten, jemand fährt mit 15, und in dem Moment, in dem man auf gleicher Höhe ist, macht die andere Person einen kleinen Bogen um ein Schlagloch.
Deshalb: Kurz klingeln oder ein „Achtung, links“ rufen, dann eine Sekunde warten, dann überholen. Die Sekunde ist der Punkt. Wer klingelt und gleichzeitig vorbeizieht, hat nichts angekündigt, sondern nur Lärm gemacht.
Und: links überholen. Rechts vorbei ist der zuverlässigste Weg in eine Kollision, weil niemand damit rechnet.
Die Klingel ist kein Vorwurf
In Österreich hat sich rund um die Klingel eine merkwürdige Kultur entwickelt. Viele empfinden sie als aggressiv, deshalb klingeln sie nicht, und dann erschrecken sich alle.
Eine kurze, freundliche Klingel aus zwanzig Metern Entfernung ist höflich. Ein hektisches Dauerklingeln aus zwei Metern ist es nicht. Der Unterschied liegt im Abstand, nicht im Ton.
Was tägliche Radler automatisch machen
- Sie schauen über die Schulter, bevor sie ausscheren. Immer. Auch wenn sie sicher sind, dass niemand kommt.
- Sie zeigen an. Ein ausgestreckter Arm kostet nichts.
- Sie halten Abstand zu parkenden Autos. Etwa eine Türbreite, weil eine Autotür sich schneller öffnet, als man reagieren kann. Diese Türbreite ist der wichtigste Sicherheitsabstand im Stadtverkehr, und fast niemand hält ihn ein.
- Sie bremsen vor der Kreuzung, nicht in ihr.
- Und sie fahren nicht in Reihe zu dritt, wenn hinten jemand schneller ist.
Fußgänger sind nicht das Problem, aber ein Faktor
Auf gemischten Geh- und Radwegen gilt: Die Fußgänger haben die schwächere Position und die geringere Übersicht. Ein Mensch, der spazieren geht, hört einen nicht kommen, besonders mit Kopfhörern.
Ein Kind, das plötzlich seitlich ausbricht, ein Hund an der Ausziehleine, jemand, der stehen bleibt und ein Foto macht - das gehört dazu. Ärgern kann man sich darüber, ändern nicht.
Also lieber Tempo herausnehmen. Zehn Sekunden mehr auf einem gemischten Abschnitt sind kein Zeitverlust, der irgendwo spürbar wird.
Der Sommerkonflikt: schnell gegen gemütlich
Im Juni teilt sich der Radweg in zwei Gruppen, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Die einen fahren zur Arbeit und haben einen Zug zu erwischen. Die anderen fahren zur Alten Donau und haben Zeit.
Beide haben recht. Der Radweg ist für beide da.
Was hilft: Wer gemütlich fährt, hält sich rechts. Wer schnell fährt, akzeptiert, dass er nicht überall überholen kann. Und wer wirklich Tempo machen will, nimmt eine andere Strecke - die Hauptrouten sind im Sommer keine Trainingsstrecken.
Die Ampel-Frage
Ja, viele fahren bei Rot. Ja, es gibt Situationen, wo es harmlos wirkt. Und ja, es ist trotzdem der Punkt, an dem Radfahrende in der öffentlichen Wahrnehmung am meisten verlieren.
Man muss nicht moralisieren. Aber es sei erwähnt: Der Zeitgewinn über eine typische Stadtstrecke liegt bei ein bis zwei Minuten. Das ist ein miserables Verhältnis zum Risiko und zum Imageschaden für alle anderen.
Kopfhörer, Handy, Ablenkung
Es gibt kaum ein Thema, bei dem die Selbsteinschätzung so weit von der Realität entfernt ist. Fast alle glauben, sie könnten mit einem Ohrstöpsel gleich gut fahren. Können sie nicht.
Man verliert vor allem die Richtungsinformation. Ein Auto, das von hinten kommt, hört man normalerweise, ohne bewusst hinzuhören - und genau das fällt weg.
Ein Kompromiss, mit dem viele leben können: nur ein Ohr, und leise. Das Handy in der Hand ist dagegen einfach keine gute Idee, und in Österreich ist Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung auf dem Rad auch nicht erlaubt.
Der freundliche Teil
Am Radweg passiert auch das Gegenteil. Jemand hält an, wenn ein anderer eine Panne hat. Jemand gibt ein Handzeichen, dass hinten alles frei ist. Jemand nickt an der Ampel.
Diese kleinen Signale machen einen Weg angenehmer, als es jede neue Infrastruktur könnte. Und sie kosten nichts außer der Bereitschaft, die anderen als Menschen zu sehen und nicht als Hindernisse.
An einem warmen Junimorgen mit Rückenwind fällt einem das ohnehin leichter.



