Es gibt an einem Jännermorgen einen Moment, ungefähr fünf Minuten nach dem Losfahren, in dem sich alles entscheidet. Entweder man friert weiter und denkt die ganze Fahrt daran, wie gemütlich die U-Bahn wäre. Oder es wird warm, die Finger kommen zurück, und man merkt, dass die Straßen leer sind und die Luft klar.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Varianten liegt fast nie an der Temperatur. Er liegt an ein paar Details, die erfahrene Winterradler anders machen.
Der erste Kilometer soll kalt sein
Das ist der wichtigste Satz, und er klingt paradox. Wer sich so anzieht, dass ihm beim Losfahren warm ist, schwitzt nach zehn Minuten. Und nasse Kleidung bei minus zwei Grad ist genau das, was einen dann wirklich auskühlt.
Also: Man startet leicht fröstelnd. Nach fünf bis sieben Minuten arbeitet der Körper, und es passt. Das ist Gewöhnungssache, aber es funktioniert bei jedem.
Hände, Füße, Ohren - der Rest ist Nebensache
Der Rumpf wird beim Radfahren von selbst warm. Was friert, sind die Extremitäten, weil dort kaum Bewegung stattfindet und der Fahrtwind voll ansetzt.
- Handschuhe sind das teuerste sinnvolle Investment. Fäustlinge halten wärmer als Fingerhandschuhe, weil sich die Finger gegenseitig wärmen. Nachteil: Bremsen und Schalten wird fummelig.
- Über die Schuhe kann man Überzieher stülpen. Sieht albern aus, wirkt sofort.
- Eine dünne Haube unter dem Helm. Ohren sind unglaublich kälteempfindlich, und niemand redet darüber.
- Ein Halstuch bis über die Nase. Nicht wegen der Kälte, sondern weil kalte Luft in den Bronchien am Morgen unangenehm brennt.
Der Reifen macht mehr aus als alles andere
Ein schmaler, hart aufgepumpter Sommerreifen ist auf feuchtem Winterasphalt heikel. Wer regelmäßig fährt, sollte den Druck deutlich reduzieren - dadurch wird die Auflagefläche größer und die Haftung besser. Es rollt etwas schwerer, aber man rutscht nicht.
Bei echter Vereisung helfen Spikereifen tatsächlich. Sie sind laut, sie rollen zäh, und sie sind auf trockener Straße eine Zumutung. Aber auf einem vereisten Radweg entlang der Donau sind sie der Unterschied zwischen Fahren und Schieben. In Wien braucht man sie an vielleicht zehn Tagen im Jahr. Ob sich das auszahlt, muss jeder selbst wissen.
Fahren, als wäre alles glatt
Die Winterfahrweise ist eigentlich nur eine ruhigere Version der normalen. Früher bremsen, hinten stärker als vorne, in der Kurve nicht treten, nicht ruckartig lenken. Und in Kurven aufrechter bleiben, statt sich hineinzulegen.
Wo es typischerweise glatt ist: Brücken (kühlen von unten aus und frieren zuerst), Unterführungen, schattige Innenhöfe, Straßenbahnschienen und die Stellen, an denen Autos aus einer Garage fahren. Diese Karte hat jeder Winterradler unbewusst im Kopf.
Das Rad leidet, und das ist normal
Streusalz frisst Kette, Bremsen und Felgen. Wer den Winter durchfährt, sollte die Kette alle paar Wochen kurz abwischen und neu ölen. Das dauert vier Minuten und verlängert die Lebensdauer erheblich.
Viele langjährige Winterradler haben deshalb ein eigenes Winterrad: alt, unattraktiv, mit Nabenschaltung und Schutzblechen. Das schöne Rad bleibt im Keller. Das ist keine Sparsamkeit, das ist Vernunft.
Sichtbarkeit zählt jetzt doppelt
Im Jänner ist es morgens um sieben finster und nachmittags um halb fünf wieder. Das heißt: Beide Pendlerfahrten finden im Dunkeln statt. Beleuchtung ist in Österreich vorgeschrieben, wenn die Sicht es erfordert - und im Winter erfordert sie es fast immer.
Reflektierendes Material an den beweglichen Teilen bringt am meisten. Knöchel, Pedale, Speichen.
Die Sache mit der Motivation
Ehrlich: Im Jänner will man an drei von fünf Morgen nicht. Das geht allen so, auch denen, die seit zehn Jahren durchfahren.
Was bei mir hilft, ist ein simpler Trick: Ich entscheide nicht am Morgen, sondern am Abend davor. Wenn die Handschuhe beim Schlüssel liegen und das Licht geladen ist, fahre ich. Wenn ich es um sechs Uhr früh im Halbschlaf entscheiden muss, nehme ich die U-Bahn.
Und man darf sich frei nehmen. Wer sich vornimmt, jeden einzelnen Tag zu fahren, hört nach dem ersten Ausfall ganz auf. Drei von fünf Tagen sind ein hervorragendes Ergebnis.
Warum man es trotzdem macht
Die ehrliche Antwort hat wenig mit Klima oder Fitness zu tun. Es ist der Zustand, in dem man ankommt. Nach zwanzig Minuten in der kalten Luft ist der Kopf wach auf eine Art, die kein Kaffee schafft.
Und die Stadt gehört einem an solchen Morgen fast allein. Der Radweg ist leer, die Ampeln schalten schneller, und irgendwo bei der Brücke geht die Sonne auf. Dafür friert man gern ein bisschen.



