Es ist der erste Tag über zehn Grad. Man holt das Rad heraus, fährt die gewohnte Strecke, und nach dreihundert Metern knirscht es unter den Reifen wie in einer Kiesgrube. Auf der nächsten Kurve rutscht das Hinterrad kurz weg, und man ist plötzlich hellwach.
Willkommen im Vorfrühling. Der Winter ist weg, aber er hat etwas dagelassen.
Splitt ist der unterschätzte Gegner
Was im Jänner gegen Glätte hilft, wird im Februar zum Problem. Der Splitt bleibt liegen, sammelt sich in Kurven, an Bordsteinkanten und genau in den Rinnen am Rand des Radwegs - also dort, wo man normalerweise fährt.
Auf Splitt verhält sich ein Fahrrad wie auf Kugellagern. Man merkt es erst, wenn man bremst oder lenkt, und dann ist es meistens schon zu spät.
Die praktische Konsequenz: In den ersten Frühlingswochen weiter innen fahren, nicht ganz am Rand. Und bei Kurven früher bremsen, nicht während der Kurve.
Die Städte kehren die Radwege üblicherweise im Lauf des Frühjahrs, aber das dauert und passiert nicht überall gleichzeitig. Nebenstraßen und Randlagen bleiben oft wochenlang liegen.
Frostschäden: das Loch, das gestern noch nicht da war
Wasser dringt in Risse, gefriert, dehnt sich aus, sprengt den Asphalt. Nach einem Winter mit vielen Frost-Tau-Wechseln sieht ein Radweg im März manchmal aus, als hätte jemand mit einem Pickel gearbeitet.
Für Räder mit schmalen Reifen ist das ernsthaft gefährlich. Ein Schlagloch von acht Zentimetern Tiefe reicht, um eine Felge zu ruinieren oder einen Sturz auszulösen.
Wichtig zu wissen: Solche Schäden kann man melden. Die meisten Städte haben dafür ein Onlineformular oder eine App, in Wien etwa über die Stadtverwaltung, in Graz und Linz über vergleichbare Meldestellen. Das dauert zwei Minuten und wirkt tatsächlich - Löcher, die gemeldet werden, werden schneller geflickt als solche, über die nur geschimpft wird.
Die Baustellensaison beginnt
Sobald es frostfrei ist, geht die Bautätigkeit los. Und Radwege sind bei Baustellenplanungen traditionell das erste, was verschwindet.
Was man tun kann:
- Umleitungen ernst nehmen, auch wenn sie umständlich wirken. Die Alternative ist oft ein Gehsteig, auf dem man nicht fahren darf.
- Bei einer Baustelle, die den Radweg ersatzlos sperrt, gilt: Man darf auf die Fahrbahn. Man muss sich dort nicht rechtfertigen.
- Deutlich Handzeichen geben. In einer unübersichtlichen Baustellensituation ist ein klar ausgestreckter Arm das beste Kommunikationsmittel, das es gibt.
Das eigene Rad hat den Winter auch nicht genossen
Wenn es draußen wieder geht, lohnt sich eine halbe Stunde in der Garage. Streusalz sitzt an der Kette, die Bremsbeläge sind womöglich stärker abgenutzt als gedacht, und die Reifen haben Druck verloren.
Der Ablauf, den ich jedes Jahr mache: Reifen aufpumpen, Bremsen testen (beide, im Stand und dann im Rollen), Kette putzen und ölen, Licht kontrollieren, Schnellspanner nachziehen. Zwanzig Minuten, und man fährt merklich sicherer.
Wer sich nicht sicher fühlt: Im Februar ist die Werkstatt noch nicht überlaufen. Im April warten Sie zwei Wochen auf einen Termin.
Und die Sache mit dem Übermut
Der erste warme Tag hat etwas Berauschendes. Man fährt schneller, als man sollte, weil es sich so gut anfühlt, und weil man die Fitness vom Oktober im Kopf hat statt der vom Februar.
Genau da kippt die Sache. Die Bremswege sind länger als gedacht, die Reaktion ist langsamer, und der Untergrund ist der schlechteste des ganzen Jahres.
Also die erste Woche bewusst gemütlich. Es läuft einem nichts davon.
Der Blick auf die Ampelphasen
Noch etwas, das im Frühjahr auffällt: Viele Städte stellen die Ampelprogramme saisonal um. Was im Winter für den Autoverkehr optimiert war, wird im Frühling wieder stärker auf Rad- und Fußverkehr abgestimmt.
Das merkt man daran, dass eine Kreuzung, an der man im Jänner immer gestanden ist, plötzlich flüssig läuft. Oder umgekehrt.
Wenn eine Ampel dauerhaft unlogisch schaltet, lässt sich auch das melden. Die Verkehrsabteilungen der Städte nehmen solche Hinweise entgegen, und manchmal ändert sich tatsächlich etwas. Es dauert nur länger, als man hofft.
Und die Fußgänger merken es auch
Nicht nur Radwege leiden. Gehsteige sind nach dem Winter oft aufgebrochen, Randsteine abgesenkt oder abgesplittert, und Blindenleitsysteme unter einer Schicht Splitt kaum ertastbar.
Wer beim Abstellen eines Rades oder Scooters darauf achtet, hilft mehr, als es scheint. Der Frühling ist die Jahreszeit, in der wieder alle unterwegs sind - mit Kinderwagen, mit Rollator, mit Gehstock.
Die Stadt gehört im März wieder allen. Das merkt man vor allem daran, wie eng sie plötzlich wirkt.
Der schönste Moment kommt trotzdem
Es gibt diesen einen Nachmittag Ende Februar, an dem man ohne Handschuhe fährt und es geht sich aus. Die Luft riecht nach nasser Erde, in den Vorgärten kommen die ersten Schneeglöckchen, und die Stadt ist plötzlich wieder voller Räder.
Dafür nimmt man den Splitt in Kauf.



