Der Prospekt sagt 120 Kilometer. Man plant eine Tour von 65, denkt sich, das geht sich locker aus, und steht nach 48 Kilometern mit einem blinkenden Balken irgendwo im Weinviertel.
Das ist keine Ausnahme, das ist der Normalfall. Und es liegt nicht daran, dass Ihr Akku kaputt ist.
Woher die Prospektzahl kommt
Reichweitenangaben entstehen unter Bedingungen, die mit einer echten Tour wenig zu tun haben. Flaches Gelände, warme Temperatur, niedrigste Unterstützungsstufe, moderate Geschwindigkeit, eine eher leichte Person ohne Gepäck, wenig Wind.
Jeder einzelne dieser Punkte verschiebt sich im echten Leben nach unten. Und sie addieren sich nicht, sie multiplizieren sich.
Die realistische Faustregel: Rechnen Sie mit etwa der Hälfte bis zwei Dritteln der angegebenen Reichweite, wenn Sie in mittlerer Unterstützung mit Gepäck durch hügeliges Gelände fahren. Wer das einplant, kommt nie in Schwierigkeiten.
Die fünf großen Verbraucher
- Steigungen. Der mit Abstand größte Faktor. 300 Höhenmeter kosten mehr Akku als 20 flache Kilometer.
- Gegenwind. Wird massiv unterschätzt. Im Marchfeld oder im Seewinkel kann ein Nachmittagswind eine Tour halbieren.
- Die Unterstützungsstufe. Der Sprung von der mittleren auf die höchste Stufe kostet oft überproportional viel. Wer die höchste Stufe nur für Anstiege nimmt, verlängert die Reichweite deutlich.
- Gewicht. Beladung, Kindersitz, volle Satteltaschen.
- Reifendruck. Ein zu weicher Reifen frisst Energie, und zwar auf jedem Meter.
Wie man eine Tour realistisch plant
Nehmen Sie die geplante Strecke und schauen Sie sich das Höhenprofil an, nicht nur die Kilometer. 60 flache Kilometer entlang des Donauradwegs sind etwas völlig anderes als 40 durch den Wienerwald.
Dann: Legen Sie den Wendepunkt nicht bei der Hälfte des Akkus fest, sondern bei etwa 60 Prozent Verbrauch. Der Rückweg ist erfahrungsgemäß anstrengender, weil man müder ist und mehr Unterstützung nimmt.
Und planen Sie mindestens eine Ladegelegenheit ein, wenn die Tour über 50 Kilometer geht. Viele Gasthäuser, Buschenschanken und Ausflugslokale entlang der bekannten Radrouten haben inzwischen Ladestationen. Ein Mittagessen von 45 Minuten bringt je nach System einen brauchbaren Nachschlag - das Ladegerät gehört dann allerdings mit.
Was passiert, wenn der Akku leer ist
Keine Panik: Man kann weiterfahren. Ein E-Bike ohne Unterstützung ist ein schweres Fahrrad, aber es ist ein Fahrrad. Auf flachem Gelände geht das erstaunlich gut, sobald man einmal in Fahrt ist.
Unangenehm wird es nur bergauf. Ein 25-Kilo-Rad eine Steigung hinaufzutreten, wenn man 60 Kilometer in den Beinen hat, ist eine ehrliche Erfahrung.
Der Trick, den viele erst spät lernen: Wenn der Akku unter 20 Prozent fällt, schalten Sie freiwillig auf die niedrigste Stufe. Die letzten Prozent halten in geringer Unterstützung überraschend lange, während sie in hoher Stufe in Minuten weg sind.
Der Körper ist auch noch da
Im Mai ist die Verlockung groß, gleich 80 Kilometer zu fahren, weil das Rad es ja schafft. Das Rad schon. Aber Handgelenke, Nacken und Sitzfläche haben seit Oktober nichts gemacht.
Die erste Tour der Saison sollte kürzer sein, als Sie glauben. Und dann steigern.
Was auch dazugehört: trinken. Bei 22 Grad und drei Stunden Fahrt verliert man mehr Flüssigkeit, als das Durstgefühl signalisiert. Zwei Flaschen, nicht eine.
Was mit muss
Die Packliste für die erste Tour ist kürzer, als man denkt, aber drei Dinge fehlen fast immer.
Das Ladegerät, wenn die Tour über fünfzig Kilometer geht. Es ist schwer und sperrig, und man ärgert sich, es mitgeschleppt zu haben - bis zu dem einen Mal, wo es rettet.
Ein Ersatzschlauch samt Reifenhebern. E-Bike-Reifen sind breiter und schwerer zu wechseln, aber sie gehen genauso kaputt.
Und Bargeld. Nicht jede Buschenschank im Weinviertel oder jede Almhütte nimmt Karte, und ein Bankomat ist auf einer Radroute selten in Reichweite.
Die Unterstützungsstufe bewusst wählen
Ein Gedanke, der die ganze Tour verändert: Fahren Sie bewusst eine Stufe niedriger als gewohnt. Nicht aus Sparsamkeit, sondern weil es sich anders anfühlt.
In hoher Unterstützung wird das Rad zum Motorfahrzeug, das man lenkt. Eine Stufe tiefer merkt man den eigenen Tritt wieder, der Rhythmus stimmt, und man kommt entspannter an - nicht müder.
Und ganz nebenbei: Die Reichweite steigt so stark, dass man sich um den Akku keine Gedanken mehr machen muss.
Die schönste Route ist selten die schnellste
Ein E-Bike verändert die Frage, was eine gute Route ist. Weil die Steigung nicht mehr abschreckt, kann man Wege nehmen, die man früher gemieden hätte - eine Hügelkette statt der flachen Hauptstraße, ein Umweg über ein Dorf, ein steiler Anstieg zu einem Aussichtspunkt.
Genau darin liegt der eigentliche Wert dieser Räder. Nicht darin, schneller zu sein, sondern darin, dass mehr Ziele plötzlich in Reichweite liegen.
Und wenn Sie die letzten fünf Kilometer ohne Motor heimfahren: Auch das gehört zu einer ordentlichen ersten Tour im Jahr.



