Es ist halb zwölf, die Luft ist noch warm, und der Abend war schön. Die Bim fährt erst in vierzehn Minuten, und dort an der Ecke steht ein Scooter. Zwei Kilometer, das geht sich aus.
Diese Situation ist in Wien, Graz und Linz jeden Sommerabend tausendfach real. Und sie ist der Grund, warum Notaufnahmen die Monate Juni bis August recht genau kennen.
Warum ausgerechnet der Heimweg
Es kommen mehrere Dinge zusammen, von denen jedes einzelne harmlos wäre.
Erstens Alkohol, oft in einer Menge, die man selbst für unbedenklich hält. Zweitens Müdigkeit. Drittens Dunkelheit. Viertens die Vorstellung, dass ein Scooter kein richtiges Fahrzeug ist und deshalb weniger Aufmerksamkeit braucht.
Und fünftens: Man ist selten allein. Zu zweit auf einem Scooter ist der Klassiker des Sommerabends, und er ist die schlechteste Idee von allen.
Der rechtliche Rahmen, kurz
E-Scooter werden in Österreich verkehrsrechtlich weitgehend wie Fahrräder behandelt. Das heißt auch: Es gilt eine eigene Promillegrenze, und sie ist nicht dieselbe wie beim Auto. Viele halten das für einen Freibrief. Einer ist es nicht. Strafen gibt es sehr wohl, und bei einem Unfall kann es zusätzlich versicherungsrechtlich sehr unangenehm werden.
Die konkreten Werte und Strafhöhen lesen Sie bitte bei einer offiziellen Stelle nach. Sie ändern sich, und ich möchte hier keine Zahl in die Welt setzen, auf die sich jemand um Mitternacht beruft.
Was Alkohol beim Scooter tatsächlich macht
Das Interessante ist weniger die Reaktionszeit als das Gleichgewicht. Auf einem Scooter steht man auf einer schmalen Fläche, mit kleinen Rädern, ohne Möglichkeit, mit den Beinen auszugleichen.
Alkohol trifft genau dieses System zuerst. Man merkt es beim Gehen kaum, weil Gehen hochautomatisiert ist. Beim Scooterfahren merkt man es sofort - allerdings erst dann, wenn man ausweichen muss.
Und dazu kommt die Selbstüberschätzung, die zum Alkohol dazugehört. Man fährt schneller als nüchtern. Fast immer.
Die typischen Verletzungen
Es sind fast immer Kopf, Gesicht und Handgelenke. Der Grund ist die Geometrie: Wenn ein Scooter vorne blockiert - Schlagloch, Bordstein, Schiene - kippt man über den Lenker, ohne dass die Beine helfen könnten. Man landet mit den Händen und dem Gesicht.
Ein Helm ist für Erwachsene in Österreich nicht vorgeschrieben, und niemand nimmt einen mit in den Schanigarten. Das ist verständlich und trotzdem der Kern des Problems.
Die Alternativen, die tatsächlich funktionieren
- Die Nachtlinien. Wien fährt an Wochenenden U-Bahn durch, dazu gibt es ein dichtes Nachtbusnetz. In Graz, Linz und Salzburg gibt es ebenfalls Nachtangebote, nur muss man sie kennen.
- Zu Fuß gehen. Zwei Kilometer sind fünfundzwanzig Minuten. An einem warmen Sommerabend ist das kein Opfer, sondern der schönste Teil.
- Den Scooter schieben. Klingt lächerlich, ist aber erlaubt und geht überraschend gut.
- Taxi teilen. Wenn man ohnehin zu dritt ist, kostet es pro Person weniger als man denkt.
Die ehrliche Selbsteinschätzung
Es gibt einen einfachen Test, den ein Notarzt einmal in einem Interview beschrieben hat: Können Sie zehn Sekunden auf einem Bein stehen, ohne sich abzustützen?
Wenn nicht, sollten Sie auf kein Fahrzeug steigen, das nur zwei Räder hintereinander hat. Das ist unwissenschaftlich, aber im Zweifel praktikabel.
Was Sie tun sollten, wenn doch etwas passiert
Falls Sie stürzen oder in einen Unfall geraten: nicht einfach aufstehen und weitergehen, weil es peinlich ist. Genau das passiert nachts erstaunlich oft.
Bei einem Sturz auf den Kopf gehört man angeschaut, auch wenn man sich gut fühlt. Und wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer beteiligt war, sollten Daten ausgetauscht werden, so mühsam das um zwei Uhr früh ist.
Bei Sharing-Fahrzeugen kommt dazu: Melden Sie den Schaden in der App. Ein defektes Gerät, das einfach stehen bleibt, ist das nächste Problem für die nächste Person.
Für die Anbieter ist der Sommer die Hauptsaison
Die Flotten sind zwischen Juni und August am größten, die Preise oft am höchsten, und die Fahrzeuge werden am härtesten beansprucht.
Das merkt man an den Bremsen. Ein Sharing-Scooter im August hat womöglich tausende Kilometer hinter sich, gefahren von Leuten, die ihn nicht besitzen und entsprechend behandeln.
Deshalb der Rat, der immer gleich bleibt und den fast niemand befolgt: Ziehen Sie im Stand einmal beide Bremsen, bevor Sie losfahren. Wenn eine sich seltsam anfühlt, nehmen Sie das nächste Gerät.
Und wenn Sie doch fahren
Dann wenigstens: langsam, auf beleuchteten Strecken, allein auf dem Gerät, mit Blick auf den Boden statt aufs Handy. Bimschienen im rechten Winkel queren. Und lieber einen Umweg über eine ruhige Gasse als die Hauptstraße.
Am schönsten ist der Sommerabend ohnehin dann, wenn er nicht in der Ambulanz endet. Und es gibt kaum etwas Besseres, als um Mitternacht durch eine warme, leere Stadt nach Hause zu spazieren, während das Handy in der Tasche bleibt.



